Wien, 22:22, 06. Juni 2005

«Hi Kasimir. Meine Antwort nun auch direkt, ohne love.at...Deine Literaturangaben haben mich angesprochen – Thomas Bernhard, dessen Literatur ich kenne und sehr schätze, Ilse Aichinger, die ich noch wenig kenne... Das Buch, das ich mitnehmen würde auf die Insel, wäre Israel B. Singer ‹Shosha› oder Hermann Lenz ‹Die Begegnung›, lieber würde ich sehr viele Bücher mitnehmen... Warst du beruflich in Italien – würd mich interessieren, was du beruflich machst, dein Studium?»

Villach, 09:39, 07. Juni 2005

«Dein Psych-Vokabular kommt mir richtig vertraut vor, was machst du genau, arbeitest du als Therapeutin, oder sind das Studienrelikte? Ilse Aichinger zu lesen zahlt sich aus, ich bin auch eher spät zu ihr gestoßen, fast zu spät. Lenz könnte ich als Anregung mal probieren. Aber meine wirkliche Leidenschaft, passiv nur, gehört dem Theater, um Ansprüche an meine Literaturkenntnisse gleich von Anfang an zu reduzieren und zu relativieren.»

Wien, 19:45, 07. Juni 2005

«...geht noch besser weiter: ich geh liebend gern ins Theater – aus Zeitgründen komme ich viel weniger oft dazu, als ich Interesse und Lust habe. Andere Leidenschaften sind: Bergsteigen, Yoga, Kochen... soviel für jetzt. Ich hab als Psychotherapeutin eine eigene Praxis, bin selbständig und beruflich sehr engagiert. Ob ich so schnell nach Villach komme oder Italien? Mit etwas Planung (mittel-langfristig) schon. Wie wäre ein Wienbesuch von dir?»

Wien, 20:32, 08. Juni 2005

«Ich denke auch, die Kommunikation per Mail ist endlich – ich fühl mich im virtuellen Raum sowieso nicht so wohl (wie z.B. meine Kinder) und lernte dich dann lieber analog kennen..»

Villach, 09:23, 09. Juni 2005

«Eine Vorstufe zu analog, fast schon richtig analog, nur noch ganz wenig digi oder virtu, wäre ein Telefon. Was hältst du davon? Meine Finger machen heute auch nicht so richtig mit. Also: 1. Ich habe auch einen richtigen Namen: Hubert.»

Wien, 10:35, 09. Juni 2005

«Die virtuellen Grüße können wir beibehalten. In den minimalen Pausen zwischen den Sitzungen bis 18:30 könnte ich das Angebot mit dem Telefon mal nützen bzw. dir überlassen. In Eile und neugieriger Erwartung deiner Stimme und mehr, Hedwig»

Villach, 10:49, 09. Juni 2005

«Eine Frage, die ich schon ewig stellen wollte: wieso Lea in love.at, wenn Hedwig richtiger Name? Schlimm, inzwischen regrediert auch mein Deutsch.»

Villach, 14:21, 09. Juni 2005

«Schön, wenn Fotos und Texte Stimmen bekommen. Jedenfalls habe ich mich sehr gefreut, dich zu hören. Zwischen den Sitzungen einige Minuten sind wenig. Andererseits ist der 20. eine echte Perspektive. Weißt du denn, was du willst/suchst?»

Villach, 17:39, 10. Juni 2005

«Ich tu mir etwas leichter, aber sehen dürfte mich auch niemand, wie ich manchmal in Minutenabständen, irgendeinen Vorwand vor mir konstruierend, ins ‹Mailzimmer› gehe und Eingänge erhoffe. Das letzte hab ich um Sekunden verpasst. Ganz schön kindisch, oder?»

Wien, 20:12, 10. Juni 2005

«Nun, deine Situation, in love.at reinzuschauen, scheint einen Unterschied zu machen zu meiner, die will ich dir trotzdem am 20. (vielleicht) genauer erzählen... Soviel: ich hatte eine schwierige Zeit in einer langjährigen Beziehung und dann ging’s mir eine Zeitlang ziemlich schlecht, und dann hab ich ‹beschlossen›, jetzt geht’s mir wieder gut, und dann hab ich mich ‹wieder› für Männer zu interessieren begonnen, fand auch einige interessant – naja, und dann hab ich’s einfach probiert. Wie ich dazukam, in Villach zu schauen, das frag mich bitte nicht, du sagst, Zufälle gibt’s nicht und das denk ich mir auch, doch es ist schon ein wenig unheimlich.»

Villach, 15:01, 14. Juni 2005

«Ich habe keine Worte für das, was geschehen ist, für meine Gefühle, meine Begeisterung, die Überraschungen... Bin ziemlich außer Tritt, und wie geht’s dir?»

Villach, 15:05, 14. Juni 2005

«Lea1 nicht mehr gefunden! Hast du deinen Namen geändert, Unselige!!! Und wo lese ich jetzt Gewicht, Größe, Vorlieben, speziell sexuelle, nach??»

Wien, 19:54, 14. Juni 2005

«Das ist so typisch, dass du noch immer in love.at rumservst, du bist täglich online, was hat das wohl zu bedeuten. Das Profil von Lea1 ist längst überholt – Gewicht, sexuelle Vorlieben, Art der Partnerschaft... mal sehen, ob ich jetzt unter ‹wer passt zu mir› bei dir auftauche...»

Villach, 20:28, 14. Juni 2005

«Du hast Recht, was soll diese neugierige Surferei! Außerdem hab ich ja die Richtige gefunden.»

Wien, 20:30, 14. Juni 2005

«Ich bin ziemlich durcheinander, und die Bilder der Nacht wirken noch immer intensiv nach. Glaubst du nicht, dass wir viel zu schnell waren, für mich ist’s jetzt so viel, dass ich mir wünschte, noch mal zu beginnen, und dann langsam in Zeitlupe und aufgeteilt auf ein paar Tage das Ganze.»

Eisenstadt, 08:50, 17. Juni 2005

«Heute leider nix im Posteingang, Kasimir Hubert Claudius R. – bin in der Rezeption des Bildungshauses, hab die Rezeptionsdame genötigt und maile – anderer Internetzugang nicht möglich... Zwar alleine, aber gut geschlafen, ausgeschlafen – endlich.»

Villach, 09:04, 17. Juni 2005

«Diese Ungeduld! Du solltest wissen, dass ich natürlich zur gleichen Zeit am Laptop sitze wie du, nur langsamer tippe.»

Villach, 08:56, 17. Juni 2005

«Es ist genau das eingetreten, das ich befürchtet habe: auf dem Weg ins Büro bereits die Tage gezählt, gehofft, es sei heute wenigstens schon Samstag, und durch die Kalenderrealität zurückgeholt. Und du treibst dich mit fremden Männern in Kärnten herum, wie nennst du es? Aufstellungen, ha ha!»

Villach, 11:52, 17. Juni 2005

«...und ich warte, ich warte, ich warte, ich warte... Bald verzweifle ich, stürze mich hinter einen Bus oder stelle sonst was an. Letztes Szenario wäre, mein Profil wieder ins Netz zu stellen, du weißt, das ist eine ernstzunehmende Drohung!!!»

Eisenstadt, 14:32, 17. Juni 2005

«Bald kann ich hier den Rezeptionsdienst übernehmen – die Damen sind unterschiedlich gewährend, mich hier an den Computer zu lassen – du siehst, was ich auf mich nehme, um wenigstens so mit dir in Kontakt zu treten. Dein jeweiliger Betreff ist so vielsagend, z.T. vielversprechend wunderbar, und ich spüre die Sehnsucht nach dir körperlich.»

Villach, 16:21, 21. Juni 2005

«Wartend sitze ich vor meinem Laptop: kommt morgen ein Brief, ja oder nein? Wenn morgen kein Brief einlangt, schließlich hast du ihn ja AUFGEGEBEN, was steht alles nicht drinnen, was erreicht mich alles nicht auf diesem Weg. Kurz gesagt: gemailt, meinetwegen handgeschrieben und eingescannt, aber dann gleich gemailt, hätte ich ihn schon seit fünf Stunden und die unerträgliche Ungewissheit wäre erst gar nicht aufgekommen.»

Wien, 17:56, 21. Juni 2005

«Wie wäre das, wenn du in Wien wärst? Ich bin schon froh auch jetzt über den Abstand, kehre in den Alltag zurück mit der Erinnerung an unser Zusammensein, mit deinem Geruch auf meiner Haut, deinen Blick in meiner Erinnerung, und lächle selig vor mich hin, immer wieder fällt mir was ein... Der Morgen mit dir – dadurch, dass du nicht da bist, kann ich hier sein mit den Kindern, Haushalt, Praxis – im ‹normalen› Leben...»

Villach, 12:01, 22. Juni 2005

«Unfähig zu arbeiten... Entweder ich schließ die Augen und lasse Samstag bis Dienstag vorbeistreifen oder ich versenke mich in Sommerfantasien mit dir irgendwo. So, liebe äh, Hedwig, geht’s nicht weiter, ist das klar! Und deine Mails tragen nicht gerade zu meiner Entspannung bei. Und ich Naivling dachte, nach erstem Kennenlernen flaut das alles ab, wie bei alten Paaren üblich. Hexe! Du hast mich ver- und bezaubert, mach das sofort wieder weg!!!»

Wien, 15:46, 22. Juni 2005

«Ich bin
Nicht attraktiv.
Ich bin 44, grauhaarig und habe eine große Nase,
ich bin misstrauisch und skeptisch,
ich nehme mir vieles zu Herzen,
ich bin launisch und möchte am Morgen nach dem Aufwachen nicht sprechen,
wenn’s mir mal schlecht geht, dann richtig.»

Wien, 17:43, 22. Juni 2005

«There are
No new messages on the server.
Ich hasse diese Meldung.»

Villach, 18:03, 22. Juni 2005

«Sei nicht so ungeduldig, ich schreibe seit fünf!!!»

Villach, 18:00, 22. Juni 2005

«Liebe Liebe, da hast du was komplett missverstanden: mein Wunsch und auch Auftrag war, deine negativen Eigenschaften kennen zu lernen, und was machst du? Konfrontierst mich mit dem faszinierendsten, liebenswertesten Profil ever!»

Wien, 08:40, 29. Juni 2005

«Mit schwerem Herzen aufgewacht und sehr nachdenklich nach den gestrigen Mails und dem Telefonat und meinen Gefühlen dazu. Jetzt nur soviel, dass ich nichts erzwingen will und denke, vielleicht ist Zeit, noch die Notbremse zu ziehen – sowieso zu spät, sowieso verliebt, aber wenn’s nicht sein kann oder noch nicht, wegen welcher Geschichten auch immer...»

Villach, 08:44, 29. Juni 2005

«Nur weil ich ein Psychotief habe, etwas, was noch gar nicht richtig begonnen hat, zu beenden, und das wäre es ja irgendwie, wenn du an Villach vorbeifahrtest, wäre schade und voreilig.»

Wien, 13:30, 29. Juni 2005

«Verstanden hab ich, dass du nicht frei bist. Dass du mich nicht spüren konntest. Konsequenz ist: Vorsicht, und dass ich für mich und mit dir klären möchte, wann und wie es stimmt, dass wir einander wieder treffen.»

Wien, 17:25, 29. Juni 2005

«Das mit dem frei sein ist so eine Sache, vielleicht bei beiden, weiß ich nicht – eher bei dir... Bei mir finde ich schwieriger die Situation, doch die hat ganz klar ein Ablaufdatum und ich erlebe das außen.Innerlich glaub ich, bin ich schon lange getrennt und weg, sonst würde es sich jetzt nicht so leicht anfühlen und so stimmig ab dem ersten Tag.»

Villach, 09:20, 07. Juli 2005

«Wie ein anderer Traum waren die letzten Stunden, haben wir tatsächlich so viel erlebt, so viel geredet, geliebt (verwende ich, um nicht gefickt zu schreiben)? Und ich spüre dich, juhuuu! Ob wir die Pause bis 15.7. aushalten, bin ich schon gespannt, was meinst du, sehen wir sie als Trainingsprogramm? Training, aber wofür genau?»

Wien, 11:15, 07. Juli 2005

«Die traumhaften Tage in Villach und ziemlich abrupt hier in der Realität gelandet – konnte mich nach anfänglichen Gedanken an ... (geliebt) dann gut konzentrieren. Ich bin so erfüllt von den Stunden mit dir, dass ich ein sehr wohliges warmes Gefühl im ganzen Körper habe und gar keine Bedürftigkeiten (außer Schlaf) wahrnehme. Ich will nicht daran denken, wie lang ich dich eventuell nicht sehen oder spüren kann. Und bei dem kreativen Potential fällt uns sowieso was Gutes ein, wenn wir was anderes wollen.»

Villach, 11:40, 09. Juli 2005

«Keine Enttäuschung, du bist ja unterwegs... Aber der routinemäßige Check ist schon genetisch verankert bei mir. Hattest du einen schönen Tag?»

Wien, 14:47, 12. August 2005

«Sehr schreibfaul, lieber, bist du oder lesfaul oder überhaupt was auch immer dich bewegt – kein Eingang im Postfach ist ungewohnt und unverzeihlich grade nicht aber nahe dran...»

Villach, 11:23, 13. August 2005

«Du hast mich kennen gelernt als einen Architekten mit unendlicher Tagesfreizeit, der ad infinitum e-mailen kann, wann immer ihn danach lüstet, was ziemlich oft der Fall war. Stimmt nicht, der bin ich nicht, nur der Architekt stimmt! Mein normaler Büroalltag ist so dicht gedrängt dass ich kaum mehr dazu komme, verzeih mir. Die Mails werden immer kürzer und der Inhalt immer flacher, die ganze Spritzigkeit ist verloren gegangen, und dabei hab ich das alles sooooo geliebt!»

Wien, 14:05, 15. September 2005

«Apropos platonisch – ich hab über love.at einen Mann kennen gelernt, einen wunderbaren, charmanten und obendrein traumhaften Liebhaber, den ich nun schon lange nicht getroffen habe und noch länger nicht treffen werde – der sich ins Zeug legte mit 100ten E-Mails, mit unzähligen SMS und Telefonaten (die gibt’s sogar noch hin und wieder) mich zu erobern, weißt du, es würde soviel mit ihm passen, doch sein Herz ist verschlossen. Ist es das, was mich wieder vorsichtiger macht? Dazu kommt, musst du wissen, dass er mir berichtete von seiner letzten Liebe, die in seinem Kopf spukt und vielleicht auch ein wenig, wenn möglich, in seinem Herzen?! Wer weiß...»

Villach, 18:09, 15. September 2005

«Ich merke, mir gelingen die Pointen zu diesem Thema einfach nicht, ist eher zum Weinen für den Betroffenen. Auch wenn die Analyse deiner Schamanin für sicher 85% aller Männer zutrifft... Warum auch für mich, schluchz,... Jedenfalls ein wunderbarer Text, deiner, dem ich, wie du siehst, nichts Entsprechendes erwidern kann, widersprechen wollte ich sowieso nicht, aber wenigstens kommentieren... Ich war schon mal besser, aber wenn man so drinnen steckt, wie ich, kein Wunder, dass nix Besseres rauskommt.»

Wien, 09:32, 19. Oktober 2005

«Gestern unsere Begegnung nach langer kurzer Zeit, fremd und vertraut, neu und so gewohnt schön und fein und herrlich und wunderbar dich zu spüren, berühren, riechen und schmecken und sehen und da sein, welch ein Genuss. Ich komme bald zu dir nach Villach und bin neugierig, wie es ist, dir wieder öfter zu begegnen.»

Villach, 17:12, 02. November 2005

«Vorsicht! Das ist das schwierigste Mail unserer langen Mailtradition, muss geschrieben sein bevor Telefon heute Abend. Ich weiß nicht genau wo anfangen, die ganze Wahrheit ist angesagt, du hast ein Recht darauf und sie sollte dir zumutbar sein, gerade dir. Ohne viel Worte weißt du vermutlich bereits ziemlich genau, was mit mir los ist.»

Villach, 11:45, 03. November 2005

«Betreff: RE: Arsch
Das war kurz und prägnant... Kommt noch was Längeres nach, ich würde es mir wünschen?»

Wien, 09:06, 12. Dezember 2005

«Warum konnte nicht gleichzeitig mit dem Eintreffen deines Wahrheitsmails vom 2.11. meine Sehnsucht nach dir verschwinden? Warum konnte sich meine anfängliche Wut und darauf folgende Enttäuschung und Traurigkeit über diesen Abriss unserer bis dahin anders gestalteten und gelebten und erträumten Liebesverbindung und mit dem Mehr-Erkennen, wer du bist und wie du bist, warum konnte sich dies alles nicht in angemessene Abneigung verwandeln? Wo ist der Liebesschalter in meinem Gehirn, den ich adjustiere oder abdrehe, warum freu ich mich auf dich morgen?»

Wien, 17:54, 27. Dezember 2005

«Ja, es geht mir gut, lieber Hubert. Und ich hoffe, nicht nur deshalb, weil ich weiß, dass ich dich bald sehen werde.»

Gelesen von:

Hildegard Köhler und Thomas Gruber

Gesamtdauer:

51'58''