Hollabrunn, 13. August 1923

«Unser Leben soll ein Leben, unser Streben ein Streben sein. Du selbst hast das Symbol für diese Worte geschaffen: Die beiden Buchstaben in jenem Lindenbaum. Wenn Du wieder dorthin gehst, dann frag den Baum, ob es unrecht ist was ich erbitte. Und das Flüstern in seinen Zweigen wird Dir die Antwort geben. – Ich glaube, daß es gar nicht so schwer wäre, in Wien eine passende Stelle zu finden. Wien, das immer mehr und mehr ein internationales Zentrum wird, bevorzugt sogar Ausländer.»

Hollabrunn, 19. August 1923

«Du sprichst in Deinem Briefe etwas aus, worauf ich lange gewartet hatte. – Ich hätte längst selbst davon sprechen können, aber ich wollte Dich nicht zu früh um etwas bitten, das Dir Anlaß zu Zweifel hätte geben können. Ich wartete die Zeit ab, da Du selbst davon sprechen würdest und sie kam. Du sagst: ‹ich dachte immer, daß Du Dich über Deine erste große Liebe ... nie wirst ganz hinwegsetzen können›. Eleonora, ich will Ihnen sagen, wie diese Wandlung vor sich gehen konnte.»

Wien, 23. Februar 1924

«Du erbittest in einer Angelegenheit meinen Rat – und mein Einverständnis, Wien wieder verlassen zu können? Eleonora, ich hab Dich lieb, – das Schicksal gab Dich mir, ich dürfte glücklich sein. Und dieses gleiche Schicksal will nun unser Glück wieder zerstören. Denn ich weiß nur zu gut, daß ich mich in der Irrnis des Lebens verliere, wenn Du wieder von mir gehst.»

Wien, 26. Februar 1924

«Liebste, ich will Dir zu meinem Plan noch einiges sagen und hoffe zuversichtlich, daß ich damit alle Bedenken, welche Du noch hegst, beseitigen kann. Es gibt nur einen Sorgenpunkt in meinem Plan: die Wohnungsfrage. Diese halbwegs günstig zu lösen, muß die Aufgabe für die allernächste Zeit sein. Ist sie gelöst, dann ist das einzige Hindernis, das uns noch trennt, beseitigt.»

Wien, 14. Mrz 1924

«Dein erster Brief trägt das Datum vom 14. III. 1922. – Mädi – vor 2 Jahren gabst Du mir Deine ersten, lieben Worte. – Die heutige Nacht gab mir Gelegenheit die Zeit, die nun zurückliegt, im Geiste nachzuleben. Wenn sie auch Leid, – Sorge brachte, – sie war doch die schönste meines Lebens, denn Du warst meine Freundin! Und heute, da wir des Tages harren, der uns vor aller Welt vereinen soll zu gemeinsamen Leben, heute danke ich inniger als sonst dem Schicksal, das mir Dich gab in Freundschaft und Liebe.»

Gelesen von:

Thomas Weißengruber

Gesamtdauer:

24′20′′

Julian und Eleonora lernen sich 1922 in Prag kennen, als er dort im deutschen Kulturinstitut arbeitet. Im März 1924 heiraten sie in Wien, 1925 kommt ihre Tochter zur Welt. Julian ist lungenkrank und stirbt im November 1927. Die Briefe waren lange Zeit verschollen und ein grosser Teil blieb unauffindbar: Eleonora nummerierte die Briefe, daran ist ersichtlich, dass gut 100 Briefe fehlen.