Wien, Frühjahr 1904,

«Ich soll hinaufkommen? Nach reiflicher Überlegung darf ich es jetzt nicht. Ich würde – wie jetzt meine Stimmung ist – nach Ihrem letzten lieben Brief – entschieden Unheil anrichten. Oder – ich würde stumm wie ein Fisch wieder nach Wien zurückkehren und lange – lange nicht so froh sein wie ich es jetzt bin. Ich bin jetzt so glücklich – ich lebe voller Träume – Hoffnungen – kurz ich fürchte mich auch nur einen Schritt zu tun, der mir vielleicht all dies zerstören könnte.»

Wien, Frühjahr 1904,

«Ich soll nicht so steif und förmlich sein in Ihrer Gegenwart! – Führen wir nicht beide – es scheint mir so – bei mir ist es gewiss – eine Art Doppelleben!? Würden Sie mir mündlich all dies anvertrauen, was Sie schon in Briefen getan?»

Wien, Frühjahr 1904,

«Als Sie mich in die Oper einluden, hatte ich noch vom Vormittag, wo Sie mich so freundlich besuchten, die liebe Editha in Erinnerung. Wie war mir, als ich in der Loge ein begehrenswertes Weib fand. Ich war entsetzt über die Entdeckung meiner Gefühle. Ihre kluge Mama hatte es gleich gefühlt und meinte zu mir: ‹Nicht wahr, heute sieht Editha gut aus; nur ein einfaches Rot.› Ich konnte fernerhin nicht los von diesem Eindrucke. Sie wandten Ihren Kopf gegen die Bühne und da sah ich eine wundervolle Linie von den Schultern zum Kopf hinansteigen; Ihr Kopf war so herrlich eingerahmt von dem dunklen Haar – ich dachte immer nur, wie schön wäre dies zu fühlen – zu küssen – kurz ich kam aus diesem Begehren nicht heraus.»

Wien, 10. August 1904

«Wir sollen uns in Gegenwart deiner guten Mama ‹DU› sagen? Fürchtest du nicht, dass jegliche wenn auch nur formelle Wand zwischen uns versinkt? Es ist das wieder ein Schritt weiter – Kind – bedenke doch, was das alles werden soll.»

Wien, 13. October 1904

«Ich will Dir ja nicht aus dem Weg gehen. Ich will nur – um mich ganz klar auszudrücken – entweder Dein sein – nur ich und Du – dann soll meinethalben die ganze Welt versinken – oder Du hast mich zum treuen Freund – dann aber musst Du mir Zeit lassen, das zu werden. Nun auch weiter mit der Aufrichtigkeit. Ich hab mich oft gefragt, ob ich auch Dein sein darf? Und leider muss mein Kopf ‹Nein› sagen – wenn ich auch die gegenteilige Sehnsucht in mir trage. Gründe? Hunderte!»

Wien, 11. July 1917

«Es ist sehr wohltuend zu hören, dass Ihr mit allem versorgt. Die Sorgen kann ich mir damit noch nicht verscheuchen. Ach, wenn man nur ein ganz klein bisserl durch ein Schlüsselloch schauen könnt! Man ist doch beruhigt wenn man selber sieht, die beste Vorstellung hilft da nicht.
Fett bekommt man jetzt 6 Deka per Kopf und Woche. Das isst Karli auf einem Brot.»

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Ernst Zettl

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16′35′′

Das Liebesbrief-Projekt besteht aus Briefen, die nicht von prominenten Autorinnen und Autoren geschrieben worden sind. Einzige Ausnahme ist diese Korrespondenz. Der Maler, Grafiker und Kunsthandwerker Koloman Moser (* 30. März 1868 † 18. Oktober 1918) zählt zu den wichtigsten Künstlern des Wiener Jugendstils. Neben Josef Hoffmann, Otto Wagner, Adolf Loos, Joseph Maria Olbrich und Gustav Klimt gehörte er 1897 zu den Mitbegründern der Wiener Secession, die er mit der Klimt-Gruppe 1905 wieder verliess. Weltweite Berühmtheit erlangte Moser als Künstler der Wiener Werkstätte, die er 1903 mit dem Architekten Josef Hoffmann und dem Financier Fritz Waerndorfer gründete.
Koloman Moser heiratete am 1. Juli 1905 die Industriellentochter Ditha Mautner von Markhof. 1906 wurde der älteste Sohn Karl geboren, 1909 der zweite Sohn Dietrich. 1916 erkrankte Moser an einer unheilbaren Kehlkopferkrankung und starb am 18. Oktober 1918 an Kehlkopfkrebs.