Werner, Neulengbach, 08. January 1955

«Nach unserer Trennung habe ich mich sehr bald gefunden und gesammelt. Ich fühlte mich ungefähr so wie ein Soldat nach Waffenstillstand. Übrigens kommt jetzt die Ballsaison wieder. Du wirst sie heuer gründlich ausnützen und brauchst diesmal keine Rücksicht zu nehmen. Ich denke nur an Männergesangsverein usw. Oder bist Du vielleicht gar nicht mehr ganz so frei???»

Marianne, Wien, 22. January 1955

«Ich kann nie einschlafen, da ich zuviel denke, meistens denke ich an Dich und das ist am schlimmsten! Wenn Du doch endlich zu mir kommen würdest. Ich kann es vor Sehnsucht kaum erwarten, Dich zu sehen! Wenn nur am Montag wenigstens Post kommen würde! Wenn ich Deine Frau nicht zutiefst bedauern würde, müsste ich sie hassen, weil Du mir ihretwegen nicht einmal schreiben kannst.»

Marianne, Wien, 23. January 1955

«Heute kam Werner zu mir, und ich hatte nicht den Mut, ihm von Dir zu erzählen, ich konnte es einfach nicht, ich war nur zutiefst erschüttert über seine Liebe! Und über die Hoffnung, in der er lebt! Ich habe unendliches Mitleid mit ihm, wenn Du es doch verstehen würdest! Ich habe noch nie so sehr den Wunsch nach Deiner Nähe gehabt wie jetzt! Ich glaube, ich habe mich noch nie so sehr nach einem Menschen gesehnt. Wenn ich doch wüsste, ob Du mich auch so liebst, wie ich von Werner geliebt werde? Warum ist alles so umständlich! Ich habe so schreckliche Angst!»

Michl, Villach, 17. February 1955

«Dein Bild liegt vor mir und ich muss es immer wieder ansehen, aber das ist auch nicht gut, weil ich, je länger ich das Bild ansehe immer größere Sehnsucht bekomme, bei Dir zu sein. Andererseits ist es eben gut, dass ich das Bild habe, weil ich dann, während ich schreibe, eigentlich mit Dir rede, und das ist etwas Eigenes, wenn man mit jemand Zwiesprache hält, der gar nicht da ist, an den man aber so fest denkt, dass man sich diesem Menschen ganz verbunden fühlt. Es ist jetzt 10 Uhr abends und vielleicht denkst Du gerade in dieser Stunde an mich.»

Marianne, Wien, 29. March 1955

«Ich bin stolz, egoistisch, ungeduldig, heftig, jähzornig bis zur Hysterie, masslos, sprunghaft, launenhaft und seit neuestem eifersüchtig. Wie kannst Du mich nur lieben, wenn ich doch so viele Fehler habe?»

Marianne, Wien, 23. April 1955

«Tag und Nacht habe ich mich nun bemüht, einen befriedigenden Ausweg für uns zu finden, und ich habe Dir auch Verschiedenes vorgeschlagen, doch Du bist nicht gewillt, etwas zu unternehmen und lässt alles so weiterlaufen wie es kommt.»

Marianne, M.S. Berlin, Atlantik, 04. February 1956

«Ich schrieb Dir ja, dass ich in Bremen im Überseeheim übernachtet habe und dort war abends ein Gottesdienst für die Auswanderer. Die meisten haben geweint, ich nicht, ich fühlte mich gar nicht traurig, denn ich fahre ja gar nicht weg, ich fahre ja zu Dir und mache nur einen Umweg, um Dir Zeit zu lassen, alle ungeregelten Sachen in Ordnung zu bringen. Ich weiß, dass Du Dich bemühen wirst, alles so rasch wie möglich zu tun, was zu tun ist, um mit mir für immer und ewig zusammen zu sein! Dieses Bewusstsein macht mich so stark und erfüllt mich so sehr, sodass ich weiß, dieses Jahr werde ich alles ertragen, denn es dauert ja nicht lange und alles Glück der Welt wird mein sein!»

Michl, Wels [maschinengeschrieben], 06. August 1956

«Du machst mir Vorwürfe, dass ich die ganze Zeit immer nur von mir schreibe und dir ewig vorjammere, wie schlecht es mir geht und warum ich denn das alles mitmachen muss, dass ich aber kein einziges Wort für Dich übrig habe, was Du alles durch mich mitmachen musst. Und dass ich kein Wort der Anerkennung finde für Dich, was du alles geleistet hast und welche Opfer Du auf Dich genommen hast, um im September zu mir zurückkehren zu können. Ja meine Marianne, weißt Du denn gar nicht, was das für mich bedeutet und wie beschämend es für mich ist, wenn ich daran denke, dass du es fertig gebracht hättest, im September zu mir zurückzukommen, aber ich, wie Du sagst, und womit Du wahrscheinlich eben recht haben wirst, ein ‹Versager› bin, der nur in seinem Beruf etwas leisten kann, im Leben aber ein vollkommener Versager ist! Willst Du mich denn wirklich noch tiefer hineinbringen, als ich es ohnehin schon bin, wenn Du meinst, ich müsste Dir darüber noch schreiben. Ist es denn nicht genug, wenn ich mir alle Tage hundertmal Vorwürfe mache und mir vor Augen halte, was Du alles getan hast und was ich erreicht habe?»

Michl, Bregenz, 29. April 1959

«Die ganze Zeit bemühe ich mich, auch innerlich von Dir loszukommen, aber es ist mir bisher nicht gelungen. Fast täglich sind meine Gedanken bei Dir, obwohl ich nicht einmal Deinen Aufenthaltsort wusste, ich wusste nicht, ob Du in Wien, irgendwo in Österreich oder sonst wo auf der Welt Dich befindest. Aber es gibt so viele Dinge, die mich ständig an Dich erinnern, dass ich Dich einfach nicht mehr auslöschen kann. Und ich weiß auch eines, dass im Falle, als ich Dir irgendeinmal begegnen sollte, die Zwischenzeit nicht existieren würde, Du wärest dann eben da, als ob Du nie von mir gegangen wärest.»

Frank, Saskatoon, 20. June 1960

«Lass Dich zu dem besten Arzt in Wien führen – bin bereit, sämtliche Rechnungen zu begleichen. Die Hauptsache, Du wirst recht bald wieder gesund. Wenn du mit meinen folgenden Zeilen einverstanden bist, kannst Du mir ja in Deinem nächsten Brief darüber Deine Meinung schreiben. Also hier ist was ich vorhabe: die 255 $ sollen ein Geschenk von mir zum ersten Hochzeitstag sein. Dann schreibe mir so schnell wie möglich, wieviel Geld Du so ungefähr für Deine Erholung brauchst und zum Schluss sämtliche Rechnungen, die Dir von Deinem Doktor gesandt werden. Außerdem werde ich Dir in jeden meiner Briefe fünf Dollar einlegen. Ich möchte nur noch, dass es Dir von jetzt an immer sehr gut geht.»

Read by:

Matthias Kofler, Romina Hellmeier, Peter Klien und Maximilian Brockstedt

Total playtime:

34'54''

Aus Mariannes Erzählung (2006): Marianne verlässt Werner wegen Michl. Dieser ist verheiratet, was er aber anfänglich verschweigt. ‹Damals war es eine Schande, mit einem verheirateten Mann zusammen zu sein.› Michl verspricht die Scheidung – Marianne reist für neun Monate nach Kanada, damit er in dieser Zeit alles regeln kann. Es dauert länger – im Herbst 57 kommt sie zurück, fährt im März 58 aber wieder nach Kanada: sie habe schliesslich ‹ganz brutal Schluss gemacht›. Michl schreibt ihr weiter, möchte sie zurückholen, aber sie will nicht mehr – heute kann sie nicht verstehen, warum sie nicht zu ihm zurückkehrte, er sei ihre grosse Liebe gewesen. Sie hat schliesslich Frank, einen Deutschen, in Kanada geheiratet – ‹aber leider Gottes nicht geliebt›.